Die mangelnde Vaterfigur – Enorme Auswirkungen auf die Söhne
- Details
- Kategorie: Vater sein
- Erstellt am Sonntag, 30. Oktober 2011 10:34
Unter einer vaterlose Kultur oder auch Vaterlosigkeit ist der Mangel an Vaterfiguren in der Erziehung und in den Erziehungseinrichtungen gemeint. In der Familie ist es entweder die faktische oder emotionale Abwesenheit des sozialen Vaters zu verstehen. Bei Fachleuten spricht man in der Regel von Kinder in den Erziehungseinrichtungen wie Hort, Kindergarten und Schule in den ersten zehn Lebensjahren, welche fast ausschliesslich auf Erzieherinnen und Lehrerinnen, also auf Frauen treffen. Diese gesamt Situation stellt eines der zentralen kulturellen Problem unserer Zeit dar.
Die Auswirkungen einer vaterlosen Kultur
Für die Jungen bzw. Männer hat diese kulturelle Situation enorme Auswirkung in deren Entwicklung.
- Schwankende Selbstachtung
- Gehemmte oder eindimensionale Sexualität
- Unterdrückte Neugierde und unterdrückter Ehrgeiz
- Lernschwierigkeiten
- Schwierigkeiten Wertvorstellungen anzunehmen
- Schwierigkeiten mit Verantwortung und Respekt
- Fehlende Rigorosität
- Fehlende Lebensorganisation
- Unsicherheit über die sexuelle und männliche Identität
- Kriminalität
- Missbrauch von Rauschmittel
- Stark ambivalente Einstellung zu Frauen und zu Männern (Idealisierung und/oder Abwertung)
- Depressionen
- Gehemmter oder schlechter Körperbezug
- Eingeschränkte Beziehungsfähigkeit
- Gehemmte Aggressivität oder permanent-destruktive Aggressionen nach aussen
- Mangelnder oder fehlender Kindeswunsch
- Destruktive Lebensweise
- Macho-Verhalten
- Ungelöste Mutterbindung bzw. inzestuöse Übergriffe
Für Mädchen bzw. Frauen sind die Auswirkungen nicht weniger Gravierend, doch stehen hier mehr die Beziehungsfähigkeit zum männlichen Geschlecht im Vordergrund. Hier nur einige angerissene Punkte.
- Stark-ambivalente Einstellung zu Männern (Abwertung und/oder Idealisierung).
- Mögliche Schwangerschaft im Jugendalter.
- Häufige Partnerwechsel im Erwachsenenalter.
- Vermehrte Inszenierung von „Weiblichkeit“ im Erwachsenenalter durch in der Kindheit
- fehlende väterliche Aufmerksamkeit bzw. Anerkennung.
Diese Liste an Auswirkungen ist sicherlich nicht schemahaft mit einer klaren Abfolge zu sehen, sonst wären sie wesentlich auffälliger, somit auch einfacher und schneller zu erkennen. Zusätzliche Faktoren für diese Auswirkungen sind sicherlich auch die Ethnie, das Milieu, die Verwandten und Geschwister oder auch das soziale Netzwerk.
Mitte des letzten Jahrhunderts konnten bei amerikanischen Väter-Forschungen aber immer wieder Verbindungen zu einigen Punkten der Auswirkungen nachweislich geknüpft werden. Somit sollte das mögliche zerstörerische Potential sehr ernst genommen werden. Dabei kamen Forscher zum Ergebnis, dass besonders betroffene Kinder, bei denen die Vaterlosigkeit zwischen dem Alter von 2 bis 5 Jahren durch Trennung bzw. Scheidung hervorgerufen wurde und lange anhalten, gefährdet sind.
Thesen zu Gründen und Auswegen
-
Eine einseitige feministische Erklärung des Geschlechterverhältnisses und dessen Dynamiken zur Klärung von vaterloser Kultur waren nie ausreichend und sind veraltet. Es ist aber unumstritten festzustellen, dass es immer noch einen Machtüberhang von Männern in der Berufsarbeit bzw. im öffentlichen Bereich gibt, wobei dem Gegenüber einen Machtüberhang von Frauen im Erziehungs- und Beziehungsbereich steht.
Von „Vaterherrschaft“ (als Übersetzung von Patriarchat) kann bei dem Auch beim momentanen Stand des Kindschaftsrechts und dessen Umgangsregelungen kaum von einer vaterorientierten Kultur zu sprechen sein. Zudem ist keines der beiden Geschlechter nur Opfer in irgendeinem gesellschaftlichen Bereich. Die Tatsache, dass mehr Männer in der der Politik und dementsprechend auch an Gesetzesumsetzungen teilhaben bedeutet noch lange nicht, dass diese zugunsten von Männern entscheiden.
-
Die Aussöhnung mit dem eigenen Vater stellt auf der persönlichen psychologischen Ebene eine sehr wichtige Grösse dar. Durch negative Erfahrungen der vaterlosen Kultur müssen das Misstrauen, die Abwertung und die Autoritätsprobleme zu Vätern bzw. Männern geklärt werden, da diese Situation die persönliches Entwicklung und Wachstum behindern. Die Vorwürfe und die dabei resultierende Distanz zum Vater erhalten, der vorhandene Schmerz wir so konserviert und kann nicht entfernt werden. Das nötige Band zwischen Vater und Sohn bleibt unterbrochen.
Nach einer persönlichen Aufarbeitung durch verschiedene Wut- und Trauerphasen, entsteht eine freie, unbelastete Sicht auch für positive Aspekte, die es in der Vergangenheit sicherlich auf gegeben hat. Vielleicht hat der Vater schon wesentlich mehr getan als es seinem Vater möglich war? Vielleicht hat er den familiären Lebensstandard sicher gestellt und auch die Ausbildung der Kinder finanziert?.
Oftmals ist nur ein neuer Kontakt zwischen Vater und Sohn möglich, wenn zwischen dieser Beziehung keine Schuldzuweisungen und keine bestimmten Erwartungen mehr bestehen. Für Söhne kann so ein neuer Kontakt mit Sicherheit einen wichtigen Beitrag zur Entdeckung seiner eigenen männlichen Identität bieten, sowie eine mögliche die eigene Vaterschaft zu stärken und dadurch den ganzen Erziehungsprozess zu beleben.
-
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das heutige bestehende Kindschaftsrecht Frauen bzw. Mütter bevorteilt. Auch nach verschiedensten Gesetzesreform besteht heute noch immer ein Ungleichgewicht. Gerade die nicht verheirateten Väter erhalten nicht automatisch ein gemeinsames Sorgerecht, sondern erhalten diese nur, wenn diese durch die Gunst der Kindesmutter beantragt wird. Zwar hat ein Kind durch die gesetzlichen Änderungen ausdrücklich ein Umgangsrecht zu beiden Elternteilen, was oftmals leider nur ein rein theoretisches Recht ist, denn ein Kind kann dies kaum juristisch durchsetzen.
Vor der Gesetzesänderung wurde fast automatisch das Sorgerecht nach einer Trennung/Scheidung den Müttern zugesprochen. Dies mehrheitlich von Mitarbeiter/innen mit traditionellen Geschlechterbildern in den entsprechenden Institutionen, in dem eine Rechtsprechung theoretisch Geschlechterlos sein sollte. Aus diesem Grund werden Frauen bzw. Mütter auch heute noch immer sehr oft ihrem Antrag, im Namen des Kindeswohles, auf alleiniges Sorgerechtm zugestimmt und werden auch nicht strafrechtlich verfolgt, wenn sie das Umgangsrecht zum Vater behindern.
Geht der Vater dagegen gerichtlich vor, vergeht bis zu einer Entscheidung so viel Zeit, in dem das Kind so weit von ihm entfremdet wurde, dass ein ungehindertes Anknüpfen an die bestandene Beziehung kaum mehr möglich ist. Eine bestehende Ungerechtigkeit liegt beispielsweise auch beim Definitionsrecht der Mutter, wer der Vater ist. Der Frau und Mutter ist die Möglichkeit gegeben, in ihrer Familie neue Tatsachen zu schaffen indem sie, beispielsweise mit einem Mann zusammenlebt, aber von ihm nicht schwanger ist. Dieser neue Mann in ihrem Leben ist dann ohne ausdrücklichen Widerspruch der gesetzliche Vater. Der biologische Vater hat in diesem Fall keine Rechte als Vater mehr.
-
Durch unterschiedliche, meist polarisierte Lebensbereiche in der Familie, werden Paare und Eltern sehr oft voneinander entfremdet. Meist gibt es die klassische Rollenteilung in der Familie, bei dem der Mann als Ernährer im Aussenbereich und die Frau als Hausfrau und Erzieherin den inneren Bereich abdeckt.
Fortschrittliche Paare müssen sich aus ökonomischen Gründen und durch die mangelnden Alternativen der gesellschaftliche Rahmenbedingungen (Mangel an Teilzeitarbeit, Ehegattensplitting) zwangsläufig die traditionellen Elterneinteilung wahrnehmen und sich dafür entscheiden, dass eine Person zu Hause bleibt. Die Position als Ernährer bringt den Mann oftmals an den Rand der Familie, da er zwangsläufig weniger Zeit vom inneren der Familie verbringen kann. Sein Kontakt zu den Kindern nimmt quantitativ ab, während der Kontakt der Kinder zur Mutter stark zunimmt. Nicht selten frustriert dabei diese Aufteilung alle in der Familie. Vor allem fühlen sich beide Elternteile in seinen Leistungen verstanden und anerkannt. So wächst die Gefahr, dass der Vater in Abwesenheit von der Frau vor dem Kinde abgewertet wird und aus der Familie „heraus gedrängt“ werden oder „raus drängen“ lassen.
Wenn die Beziehung der Eltern gestört ist, funktioniert die Familien als solches nicht mehr, das Beziehungsnetzwerk ist gestört und keine Person wird entlastet. Es entstehend kein ausgleichenden Gespräche und wechselnde Beziehungssituationen sind mehr möglich. Zudem kann die Gefahr bestehen, dass speziell die Söhne von der Mutter emotional oder im schlimmsten Fall auch körperlich als Ersatzpartner missbraucht werden. Das Nebeneinander leben vieler Paare und Eltern sind als strukturelle Folge zu beobachten und auch nicht zuletzt an den zahlreichen Trennungen und Scheidungen.
-
Die Verteilung von Erwerbs-, Haus- und Erziehungsarbeit ist die Voraussetzung einer funktionierenden Elternschaft. Durch die beidseitige Partizipation an den gegengeschlechtlichen Machtsphären entstehen, wenn möglich gleiche Rechte und gleiche Pflichten für beide Partner. Wobei eine genaue Grenze der gleichen Teile kaum möglich sein wird. Aber durch die Verteilung wächst das Verständnis füreinander durch ähnliche Realitäten und somit minimiert sich der Geschlechterkampf, bzw. die Phantasien von Benachteiligung seiner selbst.
Dies ist die wichtigste Voraussetzung für eine aktivere Vaterschaft, denn Ernährer der Familie zu sein und gleichzeitig seinen Teil der Haus- und Erziehungsarbeit zu verrichten, ist zeitlich nicht möglich. Die Neuordnung könnte dies jedoch auch in einem anderen Bereich mit sich bringen, denn eine gegengeschlechtliche sexuelle Spannung speist sich auch aus Unterschiedlichkeiten, wird diese durch Angleichung der Geschlechterrollen insgesamt verändern.
- Die Väter müssen sich die aktive Vaterschaft erkämpfen und auch erleben. Vom Staat und von den Arbeitgeber/innen wurden bis heute kaum gesellschaftliche Rahmenbedingungen geschaffen, die eine Teilzeitarbeit von Männern ermöglichen und so eine aktivere Vaterschaft fördern. Inzwischen besteht zwar ein Recht auf Teilzeitarbeit, jedoch würde das Einklagen dieses Rechts zur Isolation im Unternehmen führen, solange der Sinn vom Arbeitgeber/in nicht verstanden und getragen wird.
-
Nicht nur im Aussen müssen starre Geschlechterrollen angegangen werden, auch das eigene Bild muss in Frage gestellt werden. Für einen Vater kann dies die Veränderung der einseitigen männlichen Identitätsbildung bezüglich der Berufsarbeit bedeuten, sowie die Ängste und Unsicherheiten in Bezug auf die eigene Erziehungsfähigkeiten und die Reaktionen des sozialen Umfeldes konstruktiv umgehen zu können.
Hier ist mit Widerstand von Seiten der Frau zu rechnen, denn nur wenige Frauen würden, trotz gegenteiliger Äusserungen, ihre Machtbereiche in der Familie abgeben. Meist ist das Gegenteil der Fall, die Mütter bzw. Frauen sichern und verteidigen oftmals die eingefahrenen geschlechtsspezifischen Wege und haben auch eine geringe Motivation diese zu verlassen.
Die moderne Vaterschaft muss aber generell neu erschaffen werden. Durch weltweite Gewaltsituationen, die einseitige Geschlechterrollen, das männliche Schweigen und die zahlreichen Trennungen der Paare und Eltern, geben für das heutige Vaterbild wenig Orientierungsmaterial.
Um die Identifikation der Söhne mit dem Vater zu ermöglichen und ein gegengeschlechtlicher Lernpartner für Töchter zu sein, muss der Vater mehr in den Alltag der Familie eingegliedert werden. So kann der Vater den Söhnen und Töchtern die geeignete Voraussetzung bieten, sich von der Mutter zu lösen, wenn die entsprechende Zeit dafür gekommen ist.
- Um den zahlreichen Trennungen und Scheidungen präventiv zu begegnen, müssen die Politik, die Gesellschaft und der Mensch die Voraussetzungen für eine effektivere Streit- und Beratungskultur für Paare und Familien schaffen. Die Scheidungszahlen haben sich in Europa allgemein in den letzten Jahrzehnten wesentlich erhöht und eine Trendwende ist nicht abzusehen. Dieser schwere psychische Einschnitt im Leben vieler Kinder bedeutet also eine gewisse kulturelle Normalität, die von Generation zu Generation weitergegeben wird.
- Es sollte zur Regel werden, auch vermehrt professionelle Arbeit von Männern in Erziehungseinrichtungen zu zulassen, um so die Männer als Normalität in solchen Institutionen zu erfahren. Hier könnte auch eine Quotenregelung möglich sein, da in dem Bereich Hort, Kindergarten und Schule kaum Männern anzutreffen sind. Doch gerade für Jungen ist es wichtig, dass sie häufigen Kontakt zu Männern im Alltag erleben. Mögliche Vaterersatzfiguren können den sozialen Vater nicht ersetzen, doch bieten ein Potenzial von Reibung und Identifikation. Die Jungen können ihren Frust abbauen, aber auch etwas Neues annehmen. Gezielte Jungenarbeit könnte hier Bestehendes sinnvoll weiter vertiefen.
-
Die Reflektion von geschlechtsspezifischen Merkmalen bietet jenseits von traditionellen Geschlechterrollen, neue Möglichkeiten zur Stärkung der Identität und der persönlichen Weiterentwicklung. Was den Frauen in den letzten Jahrzehnten durch verschiedene Frauenbewegungen mittels Selbsterfahrung, Bildungsarbeit, Psychotherapie oder Politikarbeit gelungen ist, bietet auch den Männern viele neue Chancen. Die bestehenden Angebote der Männerbewegung, der Männerarbeit und der Männerforschung schaffen viel neues Potenzial der Entwicklung. Hier können mit anderen Männern neue Erfahrungen gemacht werden, neue Erkenntnisse gewonnen werden, findet Verständnis und Unterstützung von Gleichgesinnten.
Gerade eine Reflektion der eigenen Situation als Mann und Vater durch andere, hilft Bestehendes zu verstehen. Viele offene und verborgene Fragen können so aufgearbeitet werden und das Verständnis in der eigenen Rolle gestärkt werden.
-
Geplante Vater- bzw. Mutterlosigkeit durch künstliche Fortpflanzung sollten im Namen des Kindeswohls gesetzlich begrenzt bleiben. Durch künstliche Befruchtung, Samenspende, Forschungen an einer künstlichen Gebärmutter, das Austragen lassen von Dritten, kommt es zu Grenzüberschreitungen an der Natur deren Folgen nicht abzusehen sind. In unsere Kultur kommt man unweigerlich in einen sensiblen Bereich der Ethik, mit der verbunden Frage, was normal und natürlich ist und wo technisch-manipulative Grenzen überschritten werden würden.
Bei all diesen künstlichen Verfahren liegt eine Unterbrechung von Beziehung, Zeugung und Elternschaft vor, und so die Elternschaft nicht mehr im vollen Umfang erfahrbar machen, was psychologische Auswirkungen gerade für die Kinder haben kann. So löst sich das soziale Netzwerk im Verwandtschaftssystem anteilig auf, die Herkunft ist teilanonym und verschwommen, so kann eine gewisse Selbstentfremdung einsetzt.
